Tod eines Dealers

spiegelonline_logoSeinen letzten Firmensitz hatte der Vater des modernen Rohstoffhandels über einem Bistro. Im Erdgeschoss des Bürogebäudes Baarerstraße 53 in Zug am Zugersee preist “Monsieur Baguette” in bunten Lettern Schweizer Birchermüesli, Brötli und Ovomaltine an, daneben wirbt ein Friseur mit großen Postern um Kundschaft. Aber auf Etage vier, vor der Zentrale der millionenschweren Holding, hängt nur ein diskretes Schild mit der Aufschrift “MRI Group of Companies”. Seinen vollen Namen hat Marc Rich ja öfter gelesen, als ihm lieb war. Und seine besten Geschäfte hat er gemacht, als ihn noch nicht so viele kannten.

Von Lucas Söchtig

 Am Mittwochmorgen ist Rich an einem Hirnschlag gestorben: der “King of Oil”, wie sie ihn in der internationalen Finanzszene nannten. Genauso gut hätten sie Rich als “King of Zinc”, “King of Aluminum” oder “King of Coal” titulieren können – so sehr hat der 79-Jährige über Jahrzehnte hinweg den Handel mit den wichtigsten Bodenschätzen der Erde dominiert.

 Fast im Alleingang hat er in den siebziger und achtziger Jahren aus einem Start-up in einer Zuger Vierzimmer-Privatwohnung das führende Handelshaus der Welt hochgezogen: die Mark Rich+Co. AG, Vorläufer des internationalen Rohstoff-Multis Glencore. Und dabei die Branche gespalten wie kein Zweiter.

 “Schneller, aggressiver, kreativer”

Für seine Bewunderer und Zöglinge war er ein Revolutionär, für seine Kritiker und Feinde ein Verbrecher – der Mann, der als Marcell David Reich 1934 als Sohn einer deutschen Mutter in Antwerpen geboren wurde und mit seiner Familie vor den Nazis in die USA floh.

 Fest steht: Rich war ein hochbegabter Trader. Als erster erkannte er 1973 die grandiose Geschäftschance, die sich durch das Erdöl-Embargo der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) bot. Bis dato gab es keinen nennenswerten internationalen Spotmarkt für den wichtigsten Energieträger der Menschheit. Viele Staaten am Persischen Golf und Nordafrika holten den Stoff mit Hilfe westlicher Konzerne aus dem Boden und luden ihn dann direkt für ein paar Dollar pro Fass (159 Liter) auf die Tanker von Exxon, Shell und Co.

 Rich, der jahrelang als leitender Manager für ein großes US-Handelshaus gearbeitet hatte, brach das Monopol der großen Konzerne. Er organisierte Tanker und Transporte für die Araber, brachte sie mit Interessenten in der ganzen Welt zusammen – und scherte sich einen Teufel darum, ob die Kundschaft Freund oder Feind des Westens war.

 Zehn Jahre dauerte es, da war Rich der größte unabhängige Erdölhändler der Welt. Und nebenbei Nummer eins auf einer ganzen Reihe anderer Rohstoffmärkte. “Mark Rich hat alles gemacht, was er als legal ansah”, sagt sein Biograf Daniel Ammann. “Schneller, aggressiver, kreativer” als die anderen sei Rich gewesen. Und skrupelloser.

 Ob Saddam Hussein, Fidel Castro, Franco oder Muammar al-Gaddafi – Rich hat mit allen gedealt, die Rohstoffe im großen Stil zu kaufen oder zu verkaufen hatten. Jahrelang trieb er Käufer für Südafrikas Kohle auf und unterlief so das internationale Embargo gegen das Apartheidsregime. Ein Embargo schaffe “Geschäftsgelegenheiten, die es auf dem freien Markt nicht gäbe”, sagte Rich in einem seiner raren Interviews. Und: “Als Unternehmer kommen meine Geschäftsinteressen vor meinen privaten Interessen.”

“Er war ein Freund und großer Pionier”

Anfang der achtziger Jahre kaufte der gläubige Jude trotz des US-Embargos das Öl der iranischen Mullahs auf und verscherbelte es an den Erzfeind Israel. Der “Handel mit dem Feind” sowie Vorwürfe wegen Steuerhinterziehung und Manipulation des Ölmarktes brachten ihn 1983 auf die “Most Wanted”-Liste des FBI.

Rich tauchte in die Schweiz ab, legte sich eine Truppe Bodyguards zu und wagte jahrelang nicht einmal, das US-Territorium auch nur zu überfliegen. 2001 begnadigte ihn dann der scheidende US-Präsident Bill Clinton in einer seiner letzten Amtshandlungen. Zuvor hatte Richs Ex-Frau einer Stiftung Clintons mehrere hunderttausend Dollar gespendet.

Rich selbst war zu diesem Zeitpunkt keine ganz große Nummer mehr. Seine eigenen Zöglinge, die sogenannten Rich Boys, hatten ihren Lehrmeister 1994 aus der bei der Marc Rich+Co. AG gedrängt und sie in Glencore (Global Energy Commodity and Resources) umfirmiert. Heute macht der Konzern mehr als 210 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Und zeigt sich betrübt über Richs Ableben.

“Wir sind traurig”, sagt Glencore-Chef Ivan Glasenberg, den Rich 1984 als Junior-Trader für Kohle in Südafrika einstellte. “Er war ein Freund und einer der großen Pioniere der Branche.” Auf der Website der MRI Trading AG hingegen stand bis zum Mittwochnachmittag kein einziges Wort über das Ableben des Chefs, nicht einmal sein Name taucht hier auf. Wahrscheinlich hat es Rich so gewollt.

Source: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/nachruf-auf-marc-rich-tod-eines-dealers-a-908029.html

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