Das Vermächtnis des «King of Oil»

Schneller, aggressiver, kreativer, langfristiger: Der legendäre Rohstoffhändler Marc Rich legte mit seinem Geschäftsmodell den Grundstein für die grösste Fusion der Rohstoffbranche.

Von Daniel Ammann

Jetzt wächst zusammen, was schon einmal zusammengehörte: Die grösste Fusion der Rohstoffbranche ist das Vermächtnis eines legendären Mannes: Marc Rich. Ohne den «King of Oil» gäbe es beide Firmen nicht.

Er gründete 1974 Glencore ( 5.035 -1.97%) und machte sie zur grössten Rohstoffhändlerin der Welt. Xstrata kaufte er 1990 (unter dem Namen Südelektra) und baute sie zum Bergbaukonzern aus. Früher als andere realisierte Rich, dass künftig der Zugang zu Rohstoffen entscheidend sein würde. «Mit den Rohstoffen nur zu handeln, war als Geschäftsmodell keine Garantie mehr für Erfolg», sagte der umstrittene Händler in meiner Biografie über ihn. «Wir wollten eine grössere Kontrolle auch über die eigentliche Produktion. Darum begannen wir, mit Südelektra Minen, Schmelzwerke oder Raffinerien zu kaufen.»

Bescheidene Anfänge

So sicherte sich Rich die Profite entlang der ganzen Wertschöpfungskette. Wie visionär dieser Entscheid war, zeigt der Wert, dem der Fusionsfirma heute zugemessen wird: 90 Milliarden Dollar. Niemand hat es geschafft, grösser und einflussreicher zu werden als Glencore und Xstrata, die früher unter dem Dach von Richs Konzern operierten.

Der Anfang war äusserst bescheiden: Mit vier Partnern gründete Rich im April 1974 in einer Zuger Wohnung die Marc Rich + Co AG. Das Aktienkapital von gut 1 Million Franken mussten sie zusammenkratzen. Rich lieh sich seinen Beitrag vom Schwiegervater. Ein Partner musste seinen Oldtimer verkaufen, um mitmachen zu können. Das restliche Geld reichte nicht einmal für einen Telex. Wollten sie ein Geschäft abschliessen, mussten sie über die Strasse zur Post.

Zehn Jahre später beherrschte die Firma die Branche. Sie hatte das Kartell der Ölmultis gesprengt, war zum grössten unabhängigen Rohölhändler avanciert und handelte mit allen Metallen und Mineralien von Aluminium bis Zink. Das erreichte die Firma mit einer Erfolgsstrategie, der Glencore weitgehend treu geblieben ist. Sie lässt sich in vier Worten zusammenfassen: schneller, aggressiver, kreativer, langfristiger.

Heikle Waren von heiklen Verkäufern

Richs Firma ergriff Geschäftsgelegenheiten schneller als die Konkurrenz. Sie stiess aggressiver in neue Länder vor, wo sich andere geografisch oder moralisch nicht hintrauten. Sie bot kreativere Gegengeschäfte an. Und sie schloss mit ihren Kunden möglichst langfristige Verträge ab. Davon profitiert Glencore noch heute.

Die Marc Rich + Co spezialisierte sich zudem darauf, heikle Waren von heiklen Verkäufern an heikle Käufer zu liefern. Sie brachte Länder zusammen, die öffentlich behaupteten, keine Beziehungen zu unterhalten. So machte Rich Geschäfte mit den Islamisten im Iran, die Israel vernichten wollten. Ihr Öl aber verkaufte er mit ihrem Wissen dem jüdischen Staat.

Er wurde auch zum wichtigsten Lieferanten von Südafrikas Apartheid-Regime, das unter einem internationalen Embargo stand. Das Öl aber stammte aus Ländern wie der Sowjetunion, die offiziell Südafrika boykottierten. Darum gilt er einigen als Inbegriff des skrupellosen Kapitalisten. «Ich wurde als schlimmster Teufel dargestellt», sagt er selber.

Zum Verkauf gezwungen

Rich war auch einer der wichtigsten Mentoren des heutigen Glencore-CEO Ivan Glasenberg, der die Fusion mit Xstrata vorantreibt. Was Glasenberg über das Rohstoffgeschäft lernte, lernte er bei ihm. Der Südafrikaner begann 1984 für Rich zu arbeiten. Er verdiente sich seine Sporen noch während der Apartheid ab, als es ihm gelang, trotz des Boykotts Käufer für südafrikanische Kohle zu finden. «Er ist intelligent, analysiert gut und arbeitet hart», sagt Rich über den Zögling.

1994 zwangen seine Manager Rich praktisch dazu, ihnen seine Firma zu verkaufen. «Ich war schwach», sagt er dazu: In den USA war er wegen seiner Iran-Geschäfte und Steuervergehen angeklagt; ein Spekulationsgeschäft mit Zink hatte die Firma an den Rand des Ruins gebracht, und eine teure Scheidung stand bevor. Umgehend nach dem Kauf änderten die Manager den Namen zu Glencore, gliederten Xstrata schrittweise aus und brachten sie an die Börse.

Der Markt hat den Teufel gezähmt

«Wenn Sie in dieser Branche zu stolz sind», sagt Rich, «machen Sie keine Geschäfte.» Auch diese Regel hat Glasenberg beherzigt. Um das ganz grosse Geschäft – die Fusion – zu ermöglichen, überliess er es Xstrata-CEO Mick Davis, den fusionierten Konzern zu führen.

Einen ganz grossen Unterschied zu den Rich-Zeiten gibt es aber: Als private Firma foutierte sich die Marc Rich + Co weitgehend um die Politik. Glencore und Xstrata dagegen stehen als börsenkotierte Unternehmen im Schaufenster, kümmern sich aktiv um ihren Ruf und wollen als verantwortungsvolle Firmen wahrgenommen werden. Der Markt, könnte man sagen, hat den Teufel gezähmt.

* Daniel Ammann ist Autor der Rich-Biografie «King of Oil».

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