Glencore beginnt ein neues Kapitel

Der von Marc Rich gegründete Rohwarenhändler Glencore nimmt wohl Abschied vom Partnerschaftsmodell. Als Rich damals ausstieg, musste Roche als stiller Teilhaber einspringen.

Giorgio V. Müller

Vor knapp zwanzig Jahren stand die Unabhängigkeit der heute weltweit grössten Rohwaren-Handelsfirma, der in Baar domizilierten Glencore International , auf der Kippe. Die damals noch unter dem Namen des legendären Rohwarenhändlers Marc Rich firmierende Gesellschaft rutschte wegen des misslungenen Versuchs, den Zinkmarkt zu kontrollieren, mit 172 Mio. $ in die roten Zahlen. Obwohl Marc Rich + Co. schon damals über 20 Mrd. $ Umsatz machte, entsprach der Fehlbetrag fast einem üblichen Jahresgewinn. Von der amerikanischen Justiz verfolgt, musste Rich sein Unternehmen veräussern. Unter dem wieder an Bord geholten deutschen Chefhändler Willy Strothotte übernahm das Management 1993 über das damals grösste Leveraged-Buyout der Schweiz Richs 51-%-Beteiligung und nannte das Unternehmen Glencore.

Ein erzwungener Verkauf

Laut einem Buch über den berühmt-berüchtigten Rohstoffhändler («King of Oil» von Daniel Ammann) verlangte Rich nur 480 Mio. $, was lediglich dem Buchwert seines Anteils entsprach. Als sich Rich Ende 1994 ganz aus dem Unternehmen zurückzog und auch aus dem Verwaltungsrat austrat, löste er wegen der mittlerweile eingetretenen Wertsteigerungen des Unternehmens nochmals 120 Mio. $. Mehr konnten sich die neuen Eigentümer aus dem Management nicht leisten, denn bei einer privaten Aktiengesellschaft haften die Teilhaber für und finanzieren das Wachstum. Steigt einer aus, wandert mit ihm auch das Eigenkapital ab.

Deshalb hat sich der innere Zirkel, eine Gruppe von 13 Leuten mit einem Durchschnittsalter von 45 Jahren, dazu verpflichtet, seine Anteile bei einem allfälligen Abgang fünf Jahre lang nicht aus dem Unternehmen abzuziehen. Insgesamt dürften rund 500 Glencore-Manager am Unternehmen beteiligt sein.

Doch selbst die erste Zahlung an Rich überstieg damals die finanziellen Möglichkeiten des Unternehmens, denn die neuen Besitzer mussten den Basler Pharmakonzern Roche als stillen Teilhaber an Bord holen. So gehörten Roche jahrelang 20% von Glencore, ohne dass dies der Öffentlichkeit bekannt gewesen wäre. Auch heute noch schweigen die Beteiligten diskret darüber.

Mehr Umsatz als Nestlé

In den vergangenen Jahren entwickelte sich Glencore zu einem Giganten im internationalen Rohwarenhandel. Der vom Südafrikaner und neulich naturalisierten Schweizer Ivan Glasenberg geleitete Konzern erwirtschaftete im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 145 Mrd. $ einen Gewinn von 3,8 Mrd. $ (vgl. Tabelle). Volumenmässig ist dies fast 50% mehr als der jährliche Umsatz von Nestlé. Rund die Hälfte des operativen Gewinns steuern die Handelsaktivitäten bei. Mehr als 2700 Händler in über 40 Ländern handeln physisch mit rund 90 verschiedenen Rohwaren. Bei den Metallen ist Glencore bei Zink, Kupfer, Blei und Aluminium der grösste Händler. Aber auch bei Erdöl und Kokskohle sowie Getreide, Baumwolle und Zucker ist Glencore die bevorzugte Anlaufstelle der Käufer.

Das Besondere an Glencores Geschäft ist die vertikale Struktur der Aktivitäten, d. h., das Unternehmen betreibt nicht nur Handel mit allen möglichen Rohwaren, sondern deckt oft auch die Förderung, den Weiterverkauf und den Transport dieser Güter ab. So gehören dem grössten Erdölhändler auch rund 130 Öltanker. In 70 Silos lagern Getreide und Zucker. Selbst bei der Finanzierung der Transaktionen bietet Glencore Hand.

Das heisst aber nicht, dass das Unternehmen dabei grosse Preisrisiken eingeht, im Gegenteil. Bei rund 98% der Käufe sind die Waren zum Zeitpunkt des Geschäftsabschlusses bereits weiterverkauft oder über Finanzinstrumente abgesichert. Glencores Kerngeschäft besteht in der Ausnützung von Arbitragemöglichkeiten. Dabei kann es sich um Preisdifferenzen zwischen verschiedenen geografischen Orten, Preisunterschiede zwischen unterschiedlichen Sorten oder Qualitäten oder Differenzen zeitlicher Natur zwischen Kauf und Auslieferung handeln. Stets kontrolliert Glencore die ganze Wertschöpfungskette. Das hat den willkommenen Nebeneffekt, dass auf diese Weise Angebot und Nachfrage bei den einzelnen Rohwaren sehr genau beobachtet werden können – für einen Händler ein unbezahlbarer Vorteil.

Wertvolle Xstrata-Beteiligung

Die vertikale Integration der Gruppe verläuft bis in die Bergwerke. So besitzt Glencore auf allen Kontinenten ganze Minen oder namhafte Beteiligungen an solchen, wobei sie sich meist die gesamte Produktion mit langfristigen Abnahmeverträgen im Voraus schon sichert (vgl. wichtigste Beteiligungen). Der grosse Anteil der Eigenproduktion erhöht die Lieferfähigkeit, wovon ein reiner Händler nur träumen kann. Das wirkt sich letztlich auch auf den Preis aus, der den rund 12 000 Industriekunden verlangt werden kann. Allein der Wert der physischen Lager bewegt sich in der Regel um 50 Mrd. $, was selbst für ein Unternehmen des Kalibers von Glencore ein hoher Betrag ist. Schon fast ein drittes Standbein des Weltkonzerns, der über 57 500 Mitarbeiter beschäftigt, ist die 34,5-%-Beteiligung am Bergbauunternehmen Xstrata. Das Unternehmen wurde 2002 gegründet und hatte bis vor kurzem mit Willy Strothotte den gleichen Verwaltungsratspräsidenten wie Glencore. Der derzeitige Wert allein dieser Beteiligung beträgt umgerechnet fast 23 Mrd. Fr.

Mit der Grösse und dem Erfolg kamen jedoch auch die Einschränkungen zum Vorschein, die die genossenschaftliche Unternehmensform mit einzel haftenden Partnern hat. Als Xstrata Anfang 2009 neues Eigenkapital benötigte, war Glencore nicht flüssig genug, um die Kapitalerhöhung voll mitzutragen, damit der Anteil nicht verwässert wird. Stattdessen mussten die Kohleaktivitäten in Kolumbien (Prodeco) im Wert von 2,25 Mrd. $ als Realwert eingebracht werden. Ein Jahr später konnte Prodeco für 2,5 Mrd. $ zurückgekauft werden. Dank der Erholung an den Rohwarenmärkten war dies möglich und für alle Beteiligten attraktiv. Trotzdem braucht es einiges, damit Glencore das wertvolle Investment-Grade-Rating auf dem rund 10 Mrd. $ hohen Fremdkapital nicht verliert. Von Standard & Poor’s werden Glencores Anleihen mit BBB– und von Moody’s mit Baa2 bewertet, nur knapp über einer Junk-Bond-Einstufung.

Mit der Emission einer Wandelanleihe (NZZ 24. 12. 09) holte sich Glencore Ende 2009 erneut auswärtige Investoren ins Haus. Dies war wohl auch der erste Schritt zum angestrebten Börsengang (IPO), der voraussichtlich im kommenden Monat stattfinden wird, denn den Zeichnern der Ende 2014 fälligen Wandelanleihe wurde ein Umtausch in Aktien oder ähnliche Papiere in Aussicht gestellt. Wiederholt wurde auch spekuliert, dass Glencore mit der kotierten Xstrata fusionieren könnte.

Freudiges Warten auf IPO

Noch sind alle Optionen offen. Die Börse Hongkong, wo eine Zweitkotierung der Glencore-Aktien in Erwägung gezogen wird, hat bereits grünes Licht gegeben (NZZ 2. 4. 11). Nächste Woche sollte auch die London Stock Exchange, wo die Erstkotierung des schweizerisch-britischen Konzerns erfolgen soll, so weit sein. Jetzt wartet alles auf den Börsengang, der namhafte Investoren anziehen und den Mitgliedern des breit abgestützten Emissionssyndikats fette Kommissionen einbringen wird.

Laut Marktkreisen will Glencore in einem ersten Schritt 20% im Publikum placieren, was mit Blick auf die erwartete Unternehmensbewertung von rund 60 Mrd. $ mit 10 Mrd. bis 12 Mrd. $ einer der grössten Börsengänge Europas wäre. Ein Teil der Placierung ist für «Ankerinvestoren» vorgesehen, in erster Linie Staatsfonds aus Asien und der Golfregion. Offenbar übersteigt die Nachfrage schon jetzt das Angebot. – Für eine kleine Handelsfirma, die vor 37 Jahren mit fünf Partnern in einer Zuger Anwaltskanzlei begann, ist dies eine bemerkenswerte Entwicklung. Und bald wird Transparenz einziehen.

Source: http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/glencore_beginnt_ein_neues_kapitel_1.10160262.html

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: