Der Ölhändler von Castro und Khomeini

Dass Bücher über ökonomische Themen nicht per se trocken oder zu theoretisch sind, beweist das Buch von Daniel Ammann über Marc Rich, das sich stellenweise wie ein Thriller liest. Dass es sich trotzdem um ein seriöses Buch handelt, zeigt die Verleihung des renommierten Georg-von-Holtzbrinck-Preises für Wirtschaftspublizistik an den Autor. Ammann schreibt über den wohl mächtigsten Rohstoffhändler aller Zeiten, Marc Rich. Er stand 17 Jahre wegen Steuerbetrugs und Geschäften mit dem Iran auf der Fahndungsliste der am meisten gesuchten Männer der USA, bis ihn Präsident Bill Clinton an seinem letzten Amtstag im Januar 2001 begnadigte.
Es geht um Erdöl, das schwarze Gold. Aus ökonomischer wie politischer Sicht also ein brisantes Thema. Noch immer ist die moderne Wirtschaft ohne diesen Rohstoff nicht überlebensfähig. Einzelne Familien gelangten durch Öl zu unermesslichem Reichtum, und bis heute werden Kriege um das schwarze Gold geführt. Und im Mittelpunkt des ganzen Ölgeschäfts steht Marc Rich, ein vor den Nazis geflohener deutschsprachiger Jude.

Ammann schreibt das Buch in der Ich-Form, auf der Grundlage von 30 Stunden Interview-Material mit Marc Rich sowie Gesprächen mit Regierungsvertretern der USA und der Schweiz, Geschäftspartnern und Anwälten. Aus dem gesammelten Material ist ein Buch geworden, das dem Leser einen Einblick in das Rohstoffgeschäft und insbesondere in die Ölbranche vermittelt. Vor allem aber stellt es in der ersten Rich-Biographie seit knapp 20 Jahren einen Mann vor, der als „King of Oil“ Milliarden verdiente und in den siebziger Jahren das Kartell der Erdölmultis zerschlug.

Rich erlernte das Rohstoffgeschäft bei der Firma Philipp Brothers, verließ die Firma nach einer Auseinandersetzung 1974 und gründete mit einem Partner seine eigene Firma, die später zu Glencore wurde. Ammann beschreibt die Bedeutung der Person des inzwischen 75-jährigen Rich, der den amerikanischen Traum lebte, um schließlich seine Frau, sein Geld und seine Heimat zu verlieren.

Die sechziger Jahre waren eine Blütezeit für Rohstoffhändler, denn die Wirtschaft in aller Welt boomte. Und Marc Rich avancierte zum „amerikanischen Helden“, der in der in Madrid ansässigen Firma Philipp Brothers die Gunst der Stunde nutzte: Er arbeitete sich vom Flüchtlingskind zum Milliardär hoch. Politik schien ihn dabei nicht zu interessieren. So störte es ihn nicht, dass in Madrid der Faschist Francisco Franco regierte, er selbst aber vor den Faschisten als Kind in die USA geflohen war. Er orderte da, wo der jeweilige Rohstoff gefördert wurde und verkaufte ihn dorthin, wo er gefragt war.

Genau das ist es, was dazu führte, dass ihm 1983 wegen Steuerbetrugs und Handel mit dem Feind der Prozess gemacht werden sollte, dem er sich durch die Flucht in die Schweiz entzog. Rich handelte mit fast jedem Feind der USA: Fidel Castro, Khomeinis Iran oder dem Apartheidregime in Südafrika. Rich ist bis heute in den USA als skrupelloser Geschäftemacher in Erinnerung.

Ammann zeichnet das Bild eines Mannes, der es durch Intelligenz und Arbeitswut ganz nach oben geschafft hat. Daneben erfährt der Leser beispielsweise von einem Geheimtreffen der damaligen israelischen Außenministerin Golda Meir und dem persischen Schah Reza Pahlevi. Beide hatten 1965 eine Pipeline vereinbart, die Israel mit iranischem Öl versorgte. Wer hatte seine Finger mit im Spiel? Marc Rich. Das Buch lohnt sich gerade wegen solcher Informationen, die der Autor zusammengetragen hat. Ein Urteil über Marc Rich muss sich der Leser aber selbst bilden. Indira Gurbaxani

Daniel Ammann: King of Oil. Marc Rich – Vom mächtigsten Rohstoffhändler der Welt zum Gejagten der USA. Orell Füssli Verlag, Zürich 2010. 320 Seiten, 24,90
Euro.

Quelle:
http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+King_of_Oil+Daniel_Ammann/5798702.do;jsessionid=F9C6F37F314E6B2AE2FE8B3D9758D5E5.rilke:9009?extraInformationShortModus=false&currentExtraInformationTab=

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