“Marc Rich – Der König des Öls”

Die Amerikaner schickten zwei ihrer besten Agenten auf die heikle Mission: Howard Safir, den späteren Polizeichef von New York, und Chefinspektor Don Ferrarone, eine Legende, seit er mitgeholfen hatte, den größten Drogenring der Vereinigten Staaten zu zerschlagen. Getarnt als harmlose Touristen, reisten die beiden Undercover-Polizisten im Herbst 1985 in die Schweiz ein. Ihre Mission, das wussten sie genau, würde die freundschaftlichen Beziehungen zu den Eidgenossen nachhaltig stören: Sie wollten hinter dem Rücken der Behörden einen Geschäftsmann entführen, der sich vor der amerikanischen Justiz ins schweizerische Städtchen Zug abgesetzt hatte.

Die zwei Agenten überließen nichts dem Zufall. Im Gepäck führten sie detaillierte Baupläne der Villa ihrer Zielperson mit. Sie kannten sogar den Neigungswinkel der leicht abfallenden Straße am Waldrand von Zug. Falls nötig, das hatten sie abgeklärt, könnte dort ein Hubschrauber landen. Ihr Auftrag war, den flüchtigen Geschäftsmann zu überwältigen und ihn mit einem Auto über die grüne Grenze nach Baden-Württemberg zu schaffen. Die deutsche Polizei war vorgewarnt. Howard Safir hatte alles Nötige mit ihr besprochen. Der internationale Haftbefehl lag bereit: Jenseits der Grenze würde der Geschäftsmann unverzüglich von deutschen Beamten verhaftet und in die Vereinigten Staaten abgeschoben werden.

Dieser Mann, den Amerika wie einen brandgefährlichen Terroristen jagte, hieß Marc Rich. Er war einer der “reichsten und mächtigsten Rohstoffhändler aller Zeiten”, schrieb die “Financial Times” einst beinahe ehrfürchtig. Wer im späten 20. Jahrhundert Erdöl wollte, kam an Rich nicht vorbei. Zu seinen besten Zeiten verkaufte er täglich mehr vom schwarzen Gold, als Kuweit förderte.

“Handel mit dem Feind” Iran und Umgehung der staatlichen Ölpreiskontrollen warfen ihm die amerikanischen Behörden vor und drohten mit 325 Jahren Gefängnis. Weil beides in der Schweiz nicht strafbar war, lehnten es die Eidgenossen ab, Rich zu verhaften und an die Vereinigten Staaten auszuliefern. Derlei Renitenz ungewohnt, schickten die Amerikaner kurzerhand ihre zwei Agenten nach Zug, um die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Ihr Entführungsplan sollte gründlich schiefgehen – doch davon später mehr.

Marc Rich ist der große Unbekannte der Weltwirtschaft. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit stieg er zum Öltycoon auf. Er gilt als einer der diskretesten Händler überhaupt – und das in einer Branche, die für ihre Verschwiegenheit berüchtigt ist. Jahrelang sah man nicht einmal ein Foto von ihm. Journalisten verweigerte er sich systematisch.

Sein Start hätte kaum bescheidener sein können: Zusammen mit vier Partnern, alle unter 40 Jahre alt, gründete er im Frühling 1974 in einer kleinen Wohnung in Zug die “Marc Rich + Co AG”. Die Einrichtung war spartanisch; das Geld fehlte an allen Ecken und Enden. Nicht einmal eines der damals wichtigsten Arbeitsinstrumente konnten sich die Händler leisten: einen Telex. Wollten sie ein Geschäft abschließen, mussten sie über die Straße zum lokalen Postamt laufen. Nichts deutete darauf hin, dass sie den globalen Ölhandel revolutionieren sollten. Niemand hätte gedacht, dass hier der Kern für den weltgrößten Rohstoffkonzern gelegt würde.

In einer gewissen Weise war der Name Rich Programm: Die fünf jungen Händler waren vereint im Willen, mit der eigenen Firma reich zu werden. “Wir sahen die Möglichkeit, mehr Geld zu verdienen”, sagt Rich. Geld als Triebfeder. Geld als Mittel für den sozialen Aufstieg. Geld als Maßstab für den Erfolg. Wie unermesslich reich sie werden würden, das hatten sich die fünf jungen Händler selbst nicht erträumt.

Schon zehn Jahre nach ihrer Gründung beherrschte die “Marc Rich + Co AG” die Branche. Sie war der größte unabhängige Rohölhändler der Welt und handelte mit allen Metallen und Mineralien, die in der Erdkruste vorkommen; von Aluminium bis Zink. Bald gab es im Geschäft nur noch “Marc Rich und die 40 Zwerge”, wie ein Konkurrent in einer Mischung aus Respekt und Resignation sagte.

“Ehrgeiz”, sagt Marc Rich, “mich treibt, wie die meisten anderen Menschen, Ehrgeiz an. Die Menschheit kam durch Ehrgeiz voran. Einige wollten höher klettern oder schneller rennen, andere wollten fliegen oder tauchen. Ich wollte Erfolg im Geschäft haben.” Und um Erfolg zu haben, handelte er, frei von moralischen Bedenken, mit fast allen, die mit ihm handelten; mit Diktatoren und Demokraten, mit Kommunisten und Kapitalisten, mit Mullahs und Faschisten.

Das machte ihn zum Milliardär – und zum Inbegriff des skrupellosen Kapitalisten. Die Linke sieht Rich als Ausbeuter, an dessen Fingern “das Blut, der Schweiß und die Tränen der Dritten Welt” kleben, wie ein Schweizer Parlamentarier einmal meinte. Für amerikanische Politiker ist er ein Landesverräter, der mit so ziemlich jedem Feind der Vereinigten Staaten Handel trieb.

Doch Richs Geschichte ist komplizierter – und spannender. Es ist die Geschichte von Intrigen, Genialität und politischer Doppelmoral. Wer sich die Mühe macht, unvoreingenommen hinzuschauen, sieht eine der schillerndsten Karrieren des 20. Jahrhunderts, ein vielschichtiges Leben voller Widersprüche, das sich Vereinfachungen entzieht.

Marc Rich machte Geschäfte mit den iranischen Islamisten, die Israel als “Krebsgeschwür” bezeichneten und vernichten wollten. Ihr Öl aber verkaufte er dem jüdischen Staat. Pikant: Die iranischen Funktionäre wussten genau, dass Rich den vermeintlichen Erzfeind belieferte. “Es war ihnen egal”, sagt Rich, “die Iraner wollten einfach ihr Öl verkaufen.” Rich war 20 Jahre lang Israels wichtigster Lieferant – und sicherte so dem jüdischen Staat das Überleben. Schon unter dem Schah hatte er das Land mit dem schwarzen Gold Persiens versorgt – über eine geheime Pipeline von Eilat nach Aschkelon, die von Israel und Iran gemeinsam betrieben wurde.

….

Lesen Sie den Rest des Artikels von Daniel Ammann, dem Autor von “King of Oil”, auf der FAZ-Website: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

http://www.seiten.faz-archiv.de/fas/20101003/sd1201010032854624.html

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: