“Plädoyer für den Händler”

Die Biografie über Marc Rich rückt den umstrittenen Rohstoffhändler in ein neues Licht.

Von Daniel Puntas Bernet

Marc Rich zu porträtieren, ist kein einfaches Unterfangen. Der 75-jährige gebürtige Belgier und zeitweilige Amerikaner hatte in seinem Leben mehrere Rollen inne, die jede für sich Stoff für eine abenteuerliche Biografie hergäben: Rich war ein jüdischer Flüchtling, der vor den Nazi-Schergen aus Europa flüchtete, er zerbrach das Kartell der Öl-Multis und revolutionierte den Rohstoffhandel, mutierte in den USA zum angeblichen Landesverräter und Steuerflüchtling. Rich pflegte hervorragende Beziehungen zum israelischen Geheimdienst Mossad, machte mit dem Apartheid-Regime in Südafrika gleichermassen Geschäfte wie mit dem Schah von Persien und seinem Gegenspieler Ayatollah Khomeiny. Rich wurde siebzehn Jahre vom amerikanischen FBI gejagt und schliessliche von Bill Clinton begnadigt. Ausserdem betätigte er sich als Philanthrop und Friedensstifter zwischen Israel und Palästina.

Der Journalist Daniel Ammann legt mit «King of Oil» eine umfassende Biografie von Rich vor, welche dessen Sicht der Dinge einschliesst. Über 30 Stunden konnte Ammann mit Rich sprechen, ausserdem hat er Regierungsvertreter der USA und der Schweiz ebenso befragt wie Anwälte, Rohstoffhändler und Geschäftspartner. «King of Oil» skizziert die beispiellose Vita des Belgiers Marcell Reich, der 1940 mit sechs Jahren amerikanischen Boden betritt und sich fortan Marc Rich nennt, und leistet dabei vor allem zwei Dinge: einerseits eine detaillierte Schilderung der Umstände, die zur Strafverfolgung Richs in den USA führte, welche ihn dort als «grössten Steuerbetrüger aller Zeiten» und «Landesverräter» brandmarkten. Andererseits einen Einblick in die Geschäftspraktiken der Marc Rich & Co., die mit praktisch sämtlichen dubiosen Regimes der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Handel trieb.

«Es ist bequem, Marc Rich zu schubladisieren. Man muss sich dann nicht vorurteilsfrei mit der Mehrdeutigkeit seiner Person befassen. Oder mit der Komplexität des Rohstoffhandels generell», schreibt Ammann vielversprechend zu Beginn des Buches. «Rich zu dämonisieren – oder ihn zu überhöhen –, erleichtert es einem, die moralischen und politischen Widersprüche des eigenen Handelns und des eigenen Konsums zu verdrängen.»

«Pionier der Globalisierung»

Indem Ammann allerdings minuziös das offenbar nicht immer korrekte Vorgehen der New Yorker Strafverfolgungsbehörden unter der Leitung des späteren Bürgermeisters Rudolph Giuliani offenlegt, dabei Richs Beteuerungen seiner Unschuld widerspruchslos stehenlässt und Bill Clintons Begnadigung an seinem letzten Amtstag 2001 verteidigt, wirkt die Lektüre wie ein Plädoyer zur Ehr-Rettung von Rich. Weil zudem pathetische Bezeichnungen und Einordnungen («Pionier der Globalisierung», «eine der erfolgreichsten Einwanderer-Geschichten der USA», «Ein amerikanischer Held», «Er war unser Gott») allzu oft vorkommen, entsteht, was Ammann nicht zu wollen vorgibt: eine Überhöhung des Rohstoffhändler-Genies Rich.

Dass die Lektüre trotzdem lohnt, hat zwei Gründe. Erstens, weil das Buch nebenbei die spannende Entstehungsgeschichte des freien Ölhandels skizziert und mit überraschenden Details zur Weltgeschichte aufwartet, wie der Existenz einer iranisch-israelischen Erdölpipeline in den sechziger und siebziger Jahren. Zweitens stellt Ammann kritische Fragen und versucht, dem je nach Sichtweise genialen oder skrupellosen Händler Wertvorstellungen zu seinem Tun zu entlocken.

Zu grosses Denkmal

Rich, der schon als Teenager lernte, dass Krisen und Kriege Geschäftsgelegenheiten sind, hat sich seinen negativen Ruf damit erworben, dass er Fragen zur Moral immer ausklammerte. Sein Gesellenstück lieferte er 1959, als er kurz nach dem Einmarsch Fidel Castros in Havanna die Verträge für seinen Arbeitgeber Philip Brothers neu aushandelte. Während der Geiselnahme der US-Botschaftsangestellten 1979 in Teheran kaufte der jüdische Amerikaner Rich seelenruhig Öl von den Mullahs. Reflexionen zu Nigeria wie: «Dort herrscht eine sehr unangenehme Situation, so ein reiches Land, und die Leute haben nichts davon», hinderten ihn keine Sekunde daran, Handel mit dem Land zu betreiben. Und mit Öllieferungen an das Apartheid-Regime in Südafrika trotz Uno-Embargo verdiente Richs Firma rund 2 Mrd. $. «Business ist neutral, Sie können ein Handelsgeschäft nicht aufgrund von Sympathien führen», sagt Rich. Der verschwiegene Vermittler verstand sich als apolitischer Dienstleister in politisch heiklen Situationen, der stets nach der Maxime vorging: «Wir bringen einen Käufer und einen Verkäufer zusammen und verdienen eine Servicegebühr.» «Er versteht nicht», schreibt Ammann, «dass sein Geschäftsmodell, in Krisenregionen Profite zu machen, und seine Bereitschaft, überall Handel zu treiben, wo es legal ist, Anstoss erregen.»

Mit dem Hinweis auf die Doppelmoral der Regierungen, die ungeachtet ihrer Ideologien mit Rich geschäfteten, aber auch mit dem Hinweis auf die Doppelmoral des Konsumenten, der sich mit den unbequemen Fragen zur Herkunft eines Handys oder einer Cola-Büchse nicht auseinanderzusetzen braucht, schlägt sich Ammann insgesamt auf die Seite von Rich – und kreiert diesem mit seiner Biografie ein zu gross geratenes Denkmal.

*****

Marc Rich: Von den USA verfolgt , dann begnadigt

Der 75-jährige Marc Rich ist der wohl umstrittenste Rohstoffhändler des 20. Jahrhunderts. Rich revolutionierte den Öl-Spot-Handel und brachte es zu einem riesigen Vermögen, indem er Gelegenheiten früher als andere erkannte und die Moral stets vom Geschäftlichen trennte. 1983 floh er als einer der zehn «meistgesuchten Kriminellen» vor der amerikanischen Justiz in die Schweiz. 2001 wurde Rich von Bill Clinton begnadigt. Aus der Marc Rich & Co. erwuchs 1993 der Zuger Rohstoff-Handelskonzern Glencore.

Quelle: http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/plaedoyer_fuer_den_haendler_1.7212581.html

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